Gehaltserhöhung: warum von 300 Euro nur 150 ankommen

Die Zusage steht: 300 Euro mehr im Monat. Auf der ersten Abrechnung stehen 155 Euro mehr Netto. Das ist kein Fehler, sondern die Folge eines Systems, das kaum jemand erklärt bekommt, bevor er es zum ersten Mal auf dem Kontoauszug sieht.

Der Unterschied zwischen Durchschnitt und Grenze

Der Durchschnittssteuersatz sagt, welchen Anteil des gesamten Einkommens du an Steuern zahlst. Der Grenzsteuersatz sagt, welchen Anteil des zuletzt verdienten Euros du zahlst. Für jede Erhöhung zählt nur der zweite Wert, und der liegt deutlich höher.

Bei einem Jahreseinkommen von rund 48.000 Euro liegt der Durchschnittssteuersatz bei etwa 19 Prozent, der Grenzsteuersatz aber bei etwa 35 Prozent. Dazu kommen rund 20 Prozent Sozialabgaben auf den zusätzlichen Betrag. Zusammen bleiben von 100 Euro mehr brutto oft weniger als 50 Euro übrig.

Wo es besser wird

Es gibt zwei Punkte, an denen sich das Verhältnis dreht, und beide liegen an den Beitragsbemessungsgrenzen. Oberhalb dieser Grenzen steigen die Sozialbeiträge nicht weiter, weil der Beitrag gedeckelt ist. Jeder zusätzliche Euro wird dann nur noch versteuert, nicht mehr verbeitragt.

Kranken- und Pflegeversicherung Der Beitrag wird oberhalb der Grenze nicht weiter erhöht. Das entlastet den zusätzlichen Teil um rund 8 Prozentpunkte.
Renten- und Arbeitslosenversicherung Die zweite, deutlich höhere Grenze. Oberhalb davon entfallen weitere rund 11 Prozentpunkte auf den zusätzlichen Betrag.

In der Praxis heißt das: Eine Erhöhung, die über eine dieser Grenzen hinausführt, kommt anteilig besser an als eine gleich große Erhöhung darunter. Die aktuellen Grenzwerte stehen offen auf der Seite des Brutto-Netto-Rechners, dort lässt sich der Effekt in einer Minute nachrechnen.

Was netto mehr bringt als Brutto

Wenn im Budget nur ein begrenzter Betrag vorhanden ist, lohnt die Frage, in welcher Form er ausgezahlt wird. Mehrere Bestandteile sind steuerfrei oder pauschal besteuert und kommen deshalb fast vollständig an:

  • Sachbezug bis zur monatlichen Freigrenze, etwa als Tankkarte oder Gutschein. Steuerfrei, solange die Grenze eingehalten wird, und zwar strikt: ein Euro darüber macht den gesamten Betrag steuerpflichtig.
  • Zuschuss zum Deutschlandticket, unter den geltenden Voraussetzungen steuerfrei.
  • Betriebliche Altersvorsorge über Entgeltumwandlung mit Arbeitgeberzuschuss. Kein sofortiges Geld, aber ein hoher Effektivwert.
  • Kindergartenzuschuss für nicht schulpflichtige Kinder, steuerfrei zusätzlich zum Gehalt.
  • Dienstrad über Gehaltsumwandlung, wirtschaftlich meist ein Drittel günstiger als der Privatkauf.

Wichtig bei allem, was über Umwandlung läuft: Es senkt das sozialversicherungspflichtige Bruttogehalt und damit langfristig Rentenansprüche und die Bemessungsgrundlage für Lohnersatzleistungen. Für kurze Zeiträume ist das unerheblich, über zwanzig Jahre nicht.

Der Fehler bei der Verhandlung

Viele verhandeln über den Bruttobetrag, weil er in der Stellenanzeige steht, und ärgern sich anschließend über das Netto. Sinnvoller ist die umgekehrte Reihenfolge: Erst festlegen, welcher Nettobetrag den Unterschied macht, dann zurückrechnen, welches Brutto dafür nötig ist, und diese Zahl in das Gespräch mitnehmen.

Der Gehaltserhöhungs-Rechner zeigt beides in einem Schritt, inklusive der Angabe, wie viel Cent von jedem zusätzlichen Euro bei dir tatsächlich ankommen. Diese eine Zahl ist die nützlichste Vorbereitung auf ein Gehaltsgespräch, weil sie verhindert, dass eine Zusage sich hinterher kleiner anfühlt, als sie klang.

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Jonas Keller

Jonas Keller ist Wirtschaftsredakteur mit Schwerpunkt Steuern und Arbeitsrecht. Er hat mehrere Jahre Lohnabrechnungen geprüft und übersetzt Steuerrecht in Sätze, die man beim ersten Lesen versteht. Bei Gehälter.net verantwortet er die Rechner und die Ratgeber.